Gedanken zum Wochenspruch für Judika

Nicht alle Gemeindeglieder haben den Albboten. Daher möchte ich die Besinnung zum Wochenspruch, die am Donnerstag schon im Albboten stand, auch hier veröffentlichen.

Der Menschensohn ist nicht gekommen,
dass er sich dienen lasse,
sondern dass er diene und gebe sein Leben
zu einer Erlösung für viele.

(Matthäus 20,28)

Liebe Gemeinde,
in diesen Tagen ist viel von Dienst und Dienen die Rede. Der Blick richtet sich dabei auf die Menschen, die nicht nur in der gegenwärtigen Lage so unschätzbar wertvoll für unsere Gesellschaft sind. Ärzte und Pflegekräfte, Mitarbeiter im Rettungsdienst und bei der Polizei, die Verkäuferinnen in den Lebensmittelgeschäften möchte ich nur beispielhaft nennen für alle, die beruflich oder ehrenamtlich die wichtigsten Funktionen unseres Gemeinwesens aufrecht erhalten und sich dabei mitunter einem hohen Risiko aussetzen. Sie alle haben unseren Dank und unsere Anerkennung verdient – und persönlich verbinde ich damit die Hoffnung, dass es uns gelingt, diese Anerkennung auch über die jetztige Krise hinaus aufrecht zu erhalten und zum Ausdruck zu bringen.

Alle, die jetzt für andere da sind, dürfen für sich in Anspruch nehmen, dass sie damit dem Beispiel Jesu folgen, der von sich sagt, dass er gekommen sei, um zu dienen. Wenn wir den Wochenspruch in seinem Zusammenhang lesen, entdecken wir, dass er Teil der Antwort Jesu auf eine Anfrage ist, die an ihn herangetragen wird. Eine Mutter bittet für ihre Söhne um besondere Ehre. Doch bei Jesus gilt: „Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener.“ Solidarität ist gefragt, nicht Selbstverwirklichung. Vielleicht bieten uns diese Tage die Chance, das wieder neu zu entdecken. Weil Egoismus sich schonungslos entblößt. Weil wir in der erzwungenen Isloation erkennen, wieviel unsere Gemeinschaft wert ist. Weil wir neu sehen lernen, welchen Wert auch kleine Beiträge zum Ganzen haben. Es ist paradox, wenn der Weg zu neuer Gemeinschaft durch die Einsamkeit hindurchführt. Doch ebenso paradox ist auch der Weg Jesu: durch den Tod zum Leben. In der Lebenshingabe des Einzelnen liegt die Erlösung vieler.

Jesus erlöst uns von unserer Schuld, die – zugespitzt formuiert – darin liegt, dass wir zu sehr auf uns sehen, und dabei unsere Mitmenschen und Gott aus den Augen verlieren. Indem Jesus uns erlöst, macht er uns frei, wieder neu aufeinander zuzugehen, einander neu zu begegnen, zu erleben, was wahrhaftige menschliche Nähe ist. Gott möge schenken, dass wir in einigen Wochen befreit aufatmen und in neu gefundener Gemeinschaft leben dürfen.

Ihr Pfarrer Rolf Wachter