Hausandacht Judika – 29. März 2020

Deckengemälde in der Stephanskirche Heuchlingen

Liebe Gemeindeglieder,
in der aktuellen Situation können wir uns nicht in den Kirchen treffen, um miteinander Gottesdienst zu feiern. Das bedeutet aber nicht, dass gar kein Gottesdienst mehr möglich wäre.

Gottesdienst bedeutet: wir singen und loben Gott – und wir lassen uns durch Gottes Gegenwart ermutigen. Auch zuhause können wir vor Gott kommen, beten und über ein Wort aus der Bibel nachdenken. Alleine oder gemeinsam mit denen, die in unserem Haushalt leben.

Dazu will diese Handreichung ermutigen. Sie ist ein Vorschlag zur Gestaltung einer Hausandacht. Die einzelnen Texte können gerne auf möglichst viele Mitfeiernde verteilt werden.

Wenn es möglich ist, singen Sie die die Lieder. Vielleicht haben Sie sogar ein Begleitinstrument. Wenn Sie nicht singen können oder wollen, sprechen Sie die Strophen laut.

Das gilt übrigens für alle Texte: sprechen und lesen Sie laut, auch wenn Sie alleine sind. So nehmen Sie die Texte viel bewusster wahr und sie entfalten ihre ganze Kraft.

Vorbereitung

Räumen Sie beiseite, was die Gedanken abschweifen lässt. Nehmen Sie sich bewusst Zeit.

Nehmen sie für die Lieder ein Gesangbuch zur Hand.

Wenn alle Mitfeiernden Platz genommen haben, zünden Sie eine Kerze an.

Kerze anzünden

Eröffnung

Einer:      
Wir feiern diese Andacht in der Gegenwart des dreieinigen Gottes und sprechen:

Alle:         
Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Einer:      
Der Wochenspruch für diesen Sonntag und die kommende Woche steht im Matthäusevangelium:

Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zur einer Erlösung für viele. (Matthäus 20,28)

Eingangslied: Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken  (EG 91,1-4)

Dieses Lied können Sie hier anhören (öffnet neue Seite).


EG 91 Herr, stärke mich
Text: Christian Fürchtegott Gellert 1757
Melodie: Johann Krüger 1640

Psalmgebet und Ehr sei dem Vater (Psalm 43 / EG 724)

Gott, schaffe mir Recht
und führe meine Sache wider das unheilige Volk
und errette mich von den falschen und bösen Leuten!

Denn du bist der Gott meiner Stärke:
Warum hast du mich verstoßen?

Warum muss ich so traurig gehen,
wenn mein Feind mich dränget?

Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten
und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung,

dass ich hineingehe zum Altar Gottes,
zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist,
und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.

Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?

Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Ehr sei dem Vater und dem Sohn
und dem Heiligen Geist,
wie es war im Anfang,
jetzt und immerdar
und von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.

Eingangsgebet

Einer:       Herr, tue meine Lippen auf
Alle:          dass mein Mund deinen Ruhm verkündige.
Einer:       Gott, gedenke mein nach deiner Gnade.
Alle:          Herr, erhöre mich mit deiner treuen Hilfe.

Heiliger, unsterblicher Gott,
hier kommen wir zu dir in einer Welt,
die von Angst und Sorge geprägt ist.
Diese neue Krankheit breitet sich aus
und lässt uns unsicher werden und an der Zukunft zweifeln.

Jetzt sollten Menschen doch zusammenstehen.
Und dennoch herrschen noch immer Hass und Zwietracht;
drücken Unrecht und Kummer drücken,
und wir haben nichts in unseren Händen.

Erlöse uns durch die Kraft der Liebe, die stärker ist als der Tod.
Um seinetwillen, der ein Mensch der Liebe war
und für uns ein Mann der Schmerzen wurde:
Jesus Christus, dein Sohn,
unser Lebenslicht,
zu dieser Stunde und in Ewigkeit.

Liedvers: Meine Hoffnung und meine Freude – EG 576

Meine Hoffnung und meine Freude, / meine Stärke, mein Licht: / Christus, meine Zuversicht, / auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht, / auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.

Lesung des Predigttextes: Hebräer 13, 12-14

12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Stille

Halten Sie einen Moment Stille.

Nachdenken über den Text

Wenn Sie möchten, können Sein anhand der folgenden Fragen über den Text nachdenken.

Das Bild auf der Titelseite zeigt das Deckengemälde in der Heuchlinger Stephanskirche, das uns einen Blick in das ewige Leben geben möchte. Wir können es im Zusammenhang mit dem letzten Vers des Predigttextes betrachten.

  • Was wissen wir über das Leiden Jesu „vor dem Tor“?
  • Was könnte es heißen, Jesu Schmach zu tragen?
  • Wenn wir uns auf den letzten Vers konzentrieren:
    • Was ist denn unsere Vorstellung von einer idealen Stadt?
    • Welche Träume und Sehnsüchte haben wir? Und was werden wir nicht festhalten können?
    • Was ist die Hoffnung unseres Lebens?

Alternativ oder ergänzend können Sie auch die Predigt im Anhang (vor)lesen.

Lied: Lasset uns mit Jesus ziehen (EG 384, 1–4)


EG 384 Lasset uns mit Jesus ziehen
Text: Sigmund von Birken 1653
Melodie und Satz: Johann Schop 1641/Hermann Stern
Ensemble: Stuttgarter Hymnus-Chorknaben
Aufnahmeort: Kreuzkirche Stuttgart-Hedelfingen

Fürbittengebet

Sprecher 1:    
Ratlos sind wir, Gott,
und bringen unsere Ratlosigkeit vor dich.

Sprecher 2:     
In Sorge um unsere Angehörigen sind wir,
und wir bringen unsere Sorge vor dich.

Sprecher 3:     
Bedrückt sind wir,
und wir bringen unsere Angst vor dich.

Alle:                  
Dankbar sind wir für alle Menschen,
die uns Mut machen,
und wir bringen unseren Dank für sie vor dich.

Sprecher 1:     
Mitten hinein in unsere Angst
schenkst du uns das Leben.

Sprecher 2:     
Du schenkst uns
Musik, Gemeinschaft und
die Fürsorge unserer Freunde und Nachbarn.

Sprecher 3:     
Du schenkst uns
Inspiration,
Freundlichkeit
und Mut.

Alle:                  
Du schenkst uns
den Glauben, die Liebe und die Hoffnung.
Dir vertrauen wir uns an – heute und morgen und an jedem neuen Tag.

Vaterunser

Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segenslied: Komm, Herr, segne uns (EG 170)


EG 170 Komm Herr, segne uns
Text: Dieter Trautwein
Melodie und Satz: Text: Dieter Trautwein/Michael Schütz
Ensemble: Go(o)d News, ejw
Aufnahmeort: Petruskirche Renningen

Segen

Wenn Sie möchten, falten Sie die Hände zu einem „Segenskörbchen“.

Gott segne uns und behüte uns
Gott lasse sein Angesicht leuchten über uns
und sei uns gnädig
Gott erhebe sein Angesicht auf uns
und schenke uns Frieden

Amen.

Stille

Kerze auspusten

Quellen:

Titelbild: Rolf Wachter

Eingangsgebet: nach Reinhard Brandhorst, Hausgottesdienst Judika, evangelische-liturgie.de

Fürbitte:  Frank Zeeb

Diese Liturgie ist online abrufbar unter
www.kirche-heuchlingen-heldenfingen.de

Predigt zu Hebräer 13,12-14

Liebe Gemeinde,

die zweite Woche, in der Schulen und Kindergärten geschlossen sind, liegt nun beinahe hinter uns. Und auch alle weiteren Einschränkungen gelten nun schon seit einer starken Woche. In gewisser Weise haben wir uns vielleicht daran gewöhnt. Wir haben es verinnerlicht, dass wir auf den Handschlag verzichten, an der Ladenkasse Abstand halten und uns auch auf der Straße nur aus der Ferne einen Gruß zurufen.

Das ist gut so, auch wenn ich mich eigentlich nicht an diese Einschränkungen gewöhnen möchte. Sie sind berechtigt für die Ausnahmesituation, in der wir uns befinden. Doch die Ausnahme sollte nicht zur Normalität werden. Da muss die Sehnsucht in uns wach bleiben – dass wir einander wieder besuchen und umarmen können, dicht gedrängt beieinander sitzen, ohne Angst zu haben.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir,“ heißt es im Predigttext aus dem Hebräerbrief. Nein, der jetzige Zustand darf nicht so bleiben, es muss wieder anders werden. Und je besser wir uns jetzt an die auferlegten Regeln halten, desto eher wird es hoffentlich der Fall sein – dass es wieder anders wird.

Doch das ist natürlich nicht das Thema von Paulus. Wenn er an die Hebräer schreibt: „Wir haben hier keine bleibende Stadt“, dann hat er eine andere Blickrichtung. Paulus richtet seinen – und unseren – Blick auf Jesus.

Draußen vor der Stadt

Als erstes sehen wir Jesus, der „draußen vor dem Tor“ leidet. Es ist klar, was Paulus damit meint: Jesus stirbt am Kreuz auf Golgatha. Die Kreuzigungsstätte lag auf einem Felsen direkt außerhalb der Stadtbefestigung von Jerusalem, am Rande eines Steinbruchs, der zugleich als Müllhalde diente. Dort hinaus wurde Jesus geführt. Damit wurde deutlich gemacht: hier wird nicht nur jemand für ein angebliches Vergehen bestraft – für den, der da bestraft wird, gibt es auch keinen Platz in der Gesellschaft.

Paulus, der jüdische Schriftgelehrte, deutet die Umstände von Jesu Tod aber auch noch auf einem ganz anderen Hintergrund. Dort draußen, vor der Stadt, verbrannte man nach dem Passahfest die ungenießbaren Überreste der Opfertiere. In die Wüste, hinaus aus der Stadt, jagte man an Jom Kippur, dem großen Versöhnungstag, den Sündenbock, dem der Hohepriester symbolisch die Schuld des Volkes aufgeladen hatte.

Und nun ist es Jesus, der hinausgeht vor die Stadt, um dort zu leiden. Jesus, der im Hebräerbrief auch als Hohepriester beschrieben wird. Er lädt sich die Schuld des Volkes selbst auf, geht selbst den Weg hinaus an den Rand der Wüste, um dort zu sterben – und so das Volk zu heiligen.

Geheiligt durch Jesus – zur Nachfolge berufen

Heilig zu sein ist kein Qualitätsbegriff, keine Eigenschaft, mit der sich jemand auszeichnet. Heilig bezeichnet ein Besitzverhältnis. Heilig ist, wer Gott gehört.

Indem Jesus uns unsere Schuld nimmt, heiligt er uns. Ohne die Last der Schuld können wir ganz und gar zu Gott gehören.

Und damit richtet Paulus nun den Blick auf uns selbst. „Lasst uns zu ihm hinausgehen.“ Als Christen sind wir aufgefordert, Jesus nachzufolgen, dort zu sein, wo er ist. Jesus selbst hat seinen Jüngern klargemacht, dass diese Nachfolge auch Leidensnachfolge ist. Einen Mann, der ihm nachfolgen wollte, warnte er: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“[1] Und noch deutlicher wird er seinen Jüngern gegenüber: „Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach.“[2]

Als Christen haben wir unseren Platz in der Welt dort, wo Menschen leiden und schuldig werden. Gerade in der aktuellen Situation sind wir deshalb gefragt: wo können wir praktische Hilfe geben? Wie können wir – wenn Gemeinschaft von Angesicht zu Angesicht nicht mehr möglich ist – dennoch füreinander da sein? Wen könnten wir vielleicht heute noch anrufen?

In diesen Tagen wird immer wieder eine kleine Schrift von Martin Luther zitiert mit dem Titel „Ob man vor dem Sterben fliehen möge.“ Darin schreibt Martin Luther über das rechte Verhalten zur Zeit einer Pestepidemie: „Danach will ich auch räuchern, die Luft reinigen helfen, Arznei geben und nehmen. Orte und Personen meiden, da man meiner nicht bedarf, auf dass ich mich selbst nicht verwahrlose und dazu durch mich vielleicht viele andere vergiften und anstecken und ihnen so durch meine Nachlässigkeit Ursache des Todes sein möchte. … Wo aber mein Nächster mein bedarf, will ich weder Orte noch Personen meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen, wie oben gesagt ist. Siehe, das ist ein rechter, gottesfürchtiger Glaube, der nicht dummkühn noch frech ist und auch Gott nicht versucht.“[3]

Beides gehört in diesen Tagen zusammen: dass wir einander helfen, indem wir Ansteckung vermeiden. Dass wir also Abstand halten und so dazu beitragen, dass die Krankheit nicht weiter verbreitet wird. Und dass wir andererseits Augen und Ohren offen halten und ganz praktisch füreinander da sind, so gut es geht.

Wir haben hier keine bleibende Stadt

Als drittes blickt Paulus auf das, was uns erwartet: „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“

HERR, lehre mich doch, /
dass es ein Ende mit mir haben muss
und mein Leben ein Ziel hat und ich davonmuss.[4]

So betet der Beter des 39. Psalms. Die Not dieser Tage erinnert uns daran, dass unser Leben vergänglich ist. Was bleibt? Der Hebräerbrief legt uns an Herz, die Stadt zu suchen, wo wir in Ewigkeit bleiben können. Es gibt diesen Ort schon, Jesus Christus bereitet ihn für uns vor.

Es gibt nur einen Weg, der dorthin führt. Auf diesem Weg sind wir unterwegs, wenn wir Jesus folgen.

Dass das kein leichter Weg ist, haben wir gerade gesehen. Doch eines ist gewiss: ein Leben mit Christus lohnt sich. Ein Leben, das sinnvoll und erfüllt ist. Christus hat einen Auftrag für uns, macht uns zu seinen Mitarbeitern – auch und gerade jetzt. Indem wir für andere da sind, und für diese Welt beten. Und er schenkt uns ein Leben, das erfüllt ist von Hoffnung: Wir freuen uns auf das ewige Leben in der Gemeinschaft mit ihm. Noch sind wir auf der Suche. Aber wir kennen das Ziel. Und wir dürfen wissen: Es wird gut!

Amen

Rolf Wachter


[1] Lk 9,57

[2] Lk 9,23

[3] Martin Luther: Ob man vor dem Sterben fliehen möge (1527), S. 24. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 4165 (vgl. Luther-W Bd. 6, S. 242) (c) Vandenhoeck und Ruprecht

[4] Psalm 39,5